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Numoxay Teil I - Erwachen Kapitel II
Xafan saß eine Weile stumm da und beobachtete, wie Marra in einen unruhigen Schlaf fiel. War sie wirklich die Richtige? War sie diejenige, die er gesucht hatte? Dieses unscheinbare, braunhaarige Mädchen? Er war sich nicht sicher, musste mehr über sie erfahren. Leise seufzend stand er auf. Ein müdes, abwertendes Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, als er daran dachte, dass in dem Aberglauben der Menschen fest verankert war, dass Elfen nie schliefen. Eine Lüge, doch was wollte man von Menschen auch schon erwarten? Sie verbreiten ständig Lügen wegen ihrer Unwissenheit, ihrer verminderten Intelligenz und wenn ein anderer daherkommt und sie in ihrem Irrtum zurechtweisen will, wird jener selbst als Lügner dargestellt. Menschen waren wirklich ein sehr primitives Volk. In Xafans Augen spiegelte sich eine sehr starke Abneigung, wenn nicht sogar purer Hass. Sein Blick fiel auf Marra. Sie hatte wahrscheinlich keinen blassen Schimmer, was sie war, hielt sich auch für ein dummes Menschenkind. Irgendwie tat sie ihm Leid. Es würde ein schwerer Schock für sie werden, hoffentlich würde sie gut darüber hinweg kommen. Aber er war sich immer noch nicht ganz sicher. Doch wenn nicht sie, wer sollte sonst gemeint gewesen sein? Die Prophezeiung war recht eindeutig und sie passte genau auf dieses Mädchen. Sie handelte von einem mächtigen Wesen, welches in der Gestalt eines menschlichen Mädchens mit braunem Haar und blauen Augen auf der Erde wandeln sollte. Doch was sollte mit ihr geschehen? Xafans Auftrag war es, sie zu suchen, wenn er sie nun gefunden hatte, was sollte er mit ihr machen? Ein hinterlistiges Lächeln spiegelte sich auf seinem Gesicht wider. Er wusste, wofür er ihre Unterstützung brauchen würde. Ruckartig wurde Xafan aus seinen Gedanken gerissen, erschrocken blickte er sich um. Was zu allen bösen Mächten dieser Welt war das gewesen? Marra schien von alldem nichts mitbekommen zu haben. Sie schlief noch immer seelenruhig. Sofern man überhaupt von seelenruhigem Schlaf sprechen konnte, wenn er von Alpträumen geplagt schien. Da war wieder dieses Geräusch. Von irgendwo aus dem Unterholz schien es zu kommen. Xafan beschloss, das Geräusch, das so unheilvoll klang, lieber nicht zu ignorieren und verschwand kurz darauf im Dickicht. Es war, als wäre er plötzlich erblindet. Das dichte Dickicht der Bäume ließ keinen Strahl des ohnehin nicht besonders hell leuchtenden Vionnamondes zum Boden durchdringen. Es dauerte, bis sich die Augen des Elfen an die ihn umgebende Dunkelheit gewöhnt hatten. Doch konnte er außer Baumstämmen nichts erkennen. Nichts, das als der Verursacher dieses Geräusches dienen konnte. Langsam und vorsichtig, darauf bedacht, nicht aus Unachtsamkeit gegen einen Baum zu laufen, ging er weiter, tiefer in den Wald hinein. Gehörte dieser Wald eigentlich noch zu dem gefährlichen Nebelwald, um den sich so viele Mythen – selbst in den Aufzeichnungen der Groonelfen – rankten? Er wusste es nicht. Doch wenn dem so war, musste Xafan noch vorsichtiger sein. Da war das Geräusch ein drittes Mal. Diesmal hatte der Elf die Richtung genau geortet und bewegte sich zielstrebig darauf zu. Je näher er kam, desto deutlicher konnte er etwas hören, das wie Geflüster klang. Mit jedem Schritt wurde es lauter, schließlich konnte er es vernehmen, als würde er direkt neben der flüsternden Person stehen. Als reine Vorsichtsmaßnahme zückte er sein Schwert. „Ciár Ianaþer! Iáhten nírá!*“, rief der Elf. Das unheimliche Geflüster hörte schlagartig auf. „Zeigt Euch!“, wiederholte der Elf noch einmal, diesmal in der Sprache der Menschen. Ein Rascheln wurde laut, direkt neben Xafan, doch es war bloß ein Wolf, der ihn mit seinen bernsteinfarbenen Augen neugierig ansah. Der Elf seufzte und setzte seinen Weg fort. „Was habt Ihr hier zu suchen?“, ertönte es plötzlich hinter ihm. Xafan fuhr erschrocken herum, das Schwert angriffsbereit erhoben. Vor ihm stand ein Junge, kaum älter als 16 Sommer, der ihn mit furchtlosem Blick musterte. Sehr viel konnte Xafan nicht erkennen, nur, dass der Junge unbewaffnet zu sein schien und allein. Der Elf lachte auf. Aus Erleichterung, dass es bloß ein kleiner Junge war, oder aus Spott, dass dieser Zwerg es für nötig hielt, ihm Fragen zu stellen? Wohl eine Mischung aus beidem. „Weißt du nicht, dass der Wald gefährlich ist, Kleiner? Es ist außerdem viel zu spät zum Spielen.“ Der Junge gab vor, erschrocken zu sein und übertrieb dabei wie ein gelernter Schauspieler. „Ach du Schreck! Wie Recht Ihr doch habt, Herr Elf! Was würde ich bloß ohne Euch tun?“ Trotz seiner jungen Jahre wusste er perfekt mit Ironie und Sarkasmus umzugehen und zu übertreiben. Er war wohl schon des Öfteren in einer Situation wie dieser. „Sagt, was wollt Ihr denn mit diesem großen Schwert anfangen? Wollt Ihr etwa einen armen, unschuldigen, wehrlosen Jungen umbringen? Aus Angst?!“ Xafan knurrte. Dieser Junge war das perfekte Abbild dessen, was er verabscheute. Er war nicht nur ein Mensch, nein, er war ein Mensch, der ihn durchschaut hatte und genau wusste, was er tat. Ein wenig widerwillig steckte er das Schwert zurück in die Scheide, sonst würde der Kopf dieses „armen, unschuldigen, wehrlosen Jungen“ noch rollen – und das nicht etwa aus „Angst“ sondern aus Wut. Nun war es der Junge, der lachte. „Ooh! Ihr seid ja ein ganz Wilder! Ich an Eurer Stelle würde mein Temperament zügeln. Lasst Euch nicht so schnell provozieren.“ Jedes Wort des Jungen traf den Elfen wie ein Schwerthieb. Nie zuvor war er jemandem begegnet, dessen Zunge schärfer war als eine Klinge. Erst recht keinem Menschen! Xafan war außer sich vor Wut. Wie konnte dieser Junge sich erdreisten, ihn lächerlich zu machen? „Ihr Elfen seid viel zu stolz. So eingebildet und…“ Mit einem Mal hatte Xafan den Jungen am Kragen gepackt. Der Junge lachte noch immer, dieses Mal aber eine Spur nervöser. „Wollt Ihr mich tatsächlich umbringen? Beeilt Euch, bevor Ihr es Euch noch anders überlegt.“ Der Elf presste den Jungen gegen den nächsten Baum. Er kochte fast über vor Wut. Niemals war er so verärgert worden. „Wer bist du, Wurm?“, zischte Xafan wutentbrannt zwischen den Zähnen hervor, den Jungen ein paar Zentimeter über dem Boden baumeln lassend. „Wenn Ihr, oh liebenswürdiger Herr Elf, los lassen würdet, ließe es sich viel leichter reden, findet Ihr nicht?“ Mit einem weiteren wütenden Knurren ließ der Elf den Jungen fallen, der dann unsanft auf dem Boden aufkam. „Man nennt mich Linus“, meinte der Junge, als er sich aufrappelte und den Schmutz von den Kleidern wischte. „Und was tust du hier, außer mir auf die Nerven zu gehen?“ Linus’ Gesicht zierte kurz ein fieses Lächeln, dann setzte er eine Unschuldsmiene auf. „Was? Ich nerve? Das tut mir aber Leid…“ Der Junge kicherte. „Es freut mich aber, dass Ihr mich heute bemerkt habt…“ Xafan blickte verdutzt drein. „Was meinst du?“ „Nun ja“, fing Linus an und das Lächeln zeigte sich wieder auf seinem Gesicht. „Ich verfolge Euch jetzt schon seid einer ganzen Weile. Ich weiß mehr über Euch, Cóvúr, als Euch lieb ist.“ Xafans Augen weiteten sich in Erschrecken. Auf den Namen Cóvúr hatte der Junge eine ganz besondere Betonung gelegt. Von welchem Biest wurde Xafan hier heimgesucht? „Bist du ein Spion?“ Linus lachte kurz ein glockenhelles Knabenlachen. „Ja… so könnte man es auch nennen. Wer ist dieses braunhaarige Mädchen?“ Xafan ignorierte die Frage nach Marra. Wahrscheinlich wusste dieser Lümmel sowieso Bescheid. „Wem dienst du?“ „Ich diene niemandem, nur mir selbst. Ich bin kein Sklave eines fremden Willens.“ Bei Groon! Dieser Junge konnte niemals das sein, wofür er sich ausgab. Welcher Junge wusste schon so gut mit seiner Zunge umzugehen? Wer war er wirklich? Wie viel wusste er noch? Xafan wurde es langsam zu heikel. Er musste handeln. Dieser Junge könnte zwar vielleicht noch nützlich sein, denn er schien viel zu wissen, doch so nützlich er sein konnte, so gefährlich konnte er genauso gut sein, wenn er in die Hände der falschen Personen fiel. Xafan seufzte und zog erneut sein Schwert aus der Scheide. „Es war nett, dich kennen zu lernen, Linus“, sagte er mit einer gehörigen Portion Hass in der Stimme. „Aber es ist besser, wenn ich dich umbringe.“ Er holte zum Schlag aus. Linus sprang in letzter Sekunde zur Seite. „Nein, das sehe ich nicht so. Und jetzt lebt wohl, Cóvúr!“ Ehe Xafan sich versah, war der Junge verschwunden und er selbst von einem Rudel knurrender und zähnefletschender Wölfe umgeben, die ihn mit nur allzu hungrigen Blicken anstierten.
*([Kjar Jonother! Jachten Naira] Bei Yonox! Zeigt Euch!) zurück zu der Stelle
Kapitel III ist in Arbeit
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